Ein Hippiekind

Innert kurzer Zeit hatte sich Samuels Realität immer stärker verschoben. Er litt unter Horrorvisionen und Verfolgungswahn. Dabei kam ihm seine ganze Kreativität abhanden. Lassen wir Samuel selber erzählen:

Ich bin das Kind von zwei 68er-Hippies. Ich wuchs bei meiner Mutter auf und wir wohnten in verschiedenen Hippie-WG’s, bis sie von einer Verwandten Geld erbte. Darauf lebten wir von diesem Geld auf Sardinien und in Marokko in bescheidenen Verhältnissen. Meine Mutter hatte viel Zeit für mich und kümmerte sich gut um mich. Einmal, als wir aus Marokko ausreisen wollten, wurde ihr gesamter VW-Bus am Zoll durchsucht, weil sie ein Hippie war. Unter meiner Matratze hatte sie den Hanf versteckt. Ich schlief darauf und sie flehte den Zöllner an, mich doch in Ruhe zu lassen, da ich eben erst eingeschlafen sei. Sie durchsuchten den ganzen Bus, bis auf meinen Schlafplatz und fanden den Hanf nicht.

Samuel versteht die Bilder

Als ich etwa 6-jährig war, kehrten wir zurück in die Schweiz in eine alte Villa im Säuliamt. Zusammen mit uns wohnten ein Magier und sein Medium. An Weihnachten war ein gut 50 cm langer Joint ihr Highlight. Der Magier malte sehr düstere Bilder, die ich immer wieder anschauen wollte. Er sagte: „Samuel ist der einzige Mensch, der meine Bilder versteht!“ Ich selber fand sie schrecklich, aber sie zogen mich trotzdem an. Malen war von klein auf auch meine Leidenschaft, mit der ich mich stundenlang beschäftigen konnte. Trotzdem fühlte ich mich in diesem Haus ständig beobachtet, auch wenn niemand da war. Eines Tages wurde meine Mutter von einer ehemaligen Kollegin, die inzwischen Missionarin war, besucht. Die beiden kamen auf den Glauben zu reden. Da meine Mutter am Tiefpunkt ihres Lebens war, öffnete sie ihr Herz für Jesus. Dadurch kam sie von einem Tag auf den andern vom Rauchen und den Drogen los. Umgehend zogen wir ins Limmattal in eine christliche WG.

Plötzlich autoritär

Meine Mutter stellte von einem Moment auf den andern von einer antiautoritären auf eine sehr autoritäre Erziehung um. Das war für mich sehr schwierig und auch unberechenbar, zumal ich ein sehr wildes Kind war, das ständig Flausen im Kopf hatte. Schule war nicht mein Ding, doch in der Pause und auf dem Schulweg blühte ich auf. Ich gab den Ton an, weil ich immer kreative Ideen hatte. Auch in der Sonntagsschule mischte ich immer wieder den Unterricht auf. Es war nichts sicher vor mir! Schon als Kind öffnete ich mein Herz Jesus und wollte mit ihm leben. An einem christlichen Jugendkongress hatte ich dann ein starkes Glaubenserlebnis, das ich später mit einer unbeschreiblichen Freude in meiner Kirche erzählte. Doch die Leute verstanden das überhaupt nicht, sondern bremsten mich total aus. Das verletzte mich so tief, dass ich mich enttäuscht vom Glauben abwandte. Ich sagte mir, wenn mich Gott wirklich will, dann muss er um mich kämpfen. Ich rechnete mit Gott ab, obwohl die Schuld eigentlich bei seinem Bodenpersonal lag.

Erste Krankheitszeichen

Ich begann mein Leben in vollen Zügen auszukosten. Daneben bekam ich immer mehr Probleme und Streit mit der Mutter, bis ich mich entschloss, für ein Jahr zu meinem Vater nach Sardinien zu gehen. Ich kam in seine Familie mit Halbbruder und Stiefschwester und konnte in einer Kunstschlosserei arbeiten. Schon immer war es mein Traum, mich beruflich einmal gestalterisch, künstlerisch und auf jeden Fall kreativ auszuleben. Ich malte und fotografierte schon immer gerne. Zurück in der Schweiz bestand ich dann auch die Aufnahmeprüfung des Vorkurses der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. Es folgten viele Erfolge wie Bachelor, Arbeiten als Freelancer und eine Anstellung bei Apple. Ich ging in dieser Branche völlig auf. In diesem grossen Stress drin spürte ich aber bei mir erstmals Anzeichen von Wahrnehmungsverschiebungen. Einmal, nach einem frustreichen, stressigen Arbeitstag, konsumierte ich Ecstasy in konzentrierter Pulverform. Das schlug wie ein Blitz ein. Ich hatte ein Blackout von mehreren Stunden. Als ich wieder zu mir kam, war es Morgen, und ich trampelte barfuss in Scherben herum. Dieses Ereignis hatte schwere Folgen. Zwei Wochen konnte ich nicht mehr schlafen und meine Realität verschob sich immer mehr. Ich bekam Horrorvisionen, Verfolgungswahn und geriet in eine Psychose. Ich konnte nicht mehr arbeiten und musste schliesslich für vier Monate in eine Psychiatrische Klinik. Ich kam zur Einsicht: Gott musste nicht um mich kämpfen, ich bekämpfte mich die ganze Zeit über selber. Als ich am Boden zerstört war, stupfte er mich sanft an und hielt mir seine helfende Hand hin. Nach einer weiteren Psychose – bei der keine Drogen mehr im Spiel waren – riet mir mein Psychiater zu einer Therapie, die ich dann im Quellenhof machte. Dort lernte ich mit meiner psychischen Krankheit umzugehen und fand meinen Glauben an Gott wieder. Nach der Therapie konnte ich im Mediawerk der Quellenhof-Stiftung eine Lehre als Polygraf machen.
Nun lebe und arbeite ich selbständig. Ein Rückfall ist zwar nicht ausgeschlossen, doch durch die psychiatrische und seelsorgerliche Begleitung lernte ich, wie ich erste Anzeichen erkennen und angehen kann. Nach meiner zweiten Psychose hatte ich meine ganze Kreativität verloren. Inzwischen habe ich sie in hohem Mass wieder zurück erhalten. Weiter habe ich eine Frau kennengelernt, mit der ich die Zukunft und mein Leben verbringen möchte.