Mich haben alle so falsch eingeschätzt

Jenni musste seit früher Kindheit kämpfen und bekam wenig Liebe. Sie war stur, sie stand ein für ihre Meinung und stiess damit auf viel Widerstand. Als man ihr endlich Leine liess und sie die Verantwortung für ihr Leben selber in die Hand nehmen konnte, bewies sie es allen.

Jennis Herz war in der Kindheit oft in einem grossen Zerriss. Die Eltern liessen sich scheiden, als sie drei Jahre alt war. Der Vater stand manchmal draussen vor der Türe und forderte sie auf: „Jenni mach auf!“ Drinnen war die Mutter, die ihr verbot, die Türe zu öffnen. Die Mutter weinte viel, war geplagt von Depressionen, Angst- und Panikattacken und konnte sich deshalb kaum um die drei Kinder kümmern. „Meine Mutter hatte selber eine sehr schwere Kindheit und bekam wenig Liebe. So konnte sie auch nicht lernen, wie man Liebe weitergibt. So sehr sie es sich vielleicht wünschte, sie konnte uns wenig emotionale Wärme schenken. Schön war, dass ich mit meinen Freundinnen aus dem Quartier viel draussen spielen konnte“, erinnert sich Jenni.
Mit dem Eintritt in die Oberstufe bekam Jenni die üblichen Pubertätsprobleme. „Ich hatte total den „Leckmer“ und niemanden, mit dem ich über meine Fragen und Probleme hätte reden können.“ In dieser Zeit machte die Mutter selber eine Therapie. Jenni weiss noch: „Einmal kam sie zu mir ins Zimmer und erzählte mir Dinge von meinem Vater, die ich nicht einordnen konnte und die sie auch nur erzählte, weil ihre Therapeutin sie dazu aufgefordert hatte. Es ging um eine Missbrauchsgeschichte im frühen Kindesalter, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte. Ich war ratlos, was ich mit diesen Informationen anfangen sollte. Vor- und nachher wurde nie mehr ein Wort über diese Sache verloren.“

Meine Mutter hielt nicht zu mir

Als Jenni ihren ersten Freund hatte, schaltete sich die Mutter ein: „Sie klärte mich gut auf und ging mit mir zum Frauenarzt“, erzählt Jenni. „Sonst interessierte es aber niemanden, was ich machte und wo ich mich aufhielt. Immer häufiger stritt ich mich mit dem neuen Partner meiner Mutter. Wir wurden oft laut und manchmal auch handgreiflich.“ Jenni war die einzige in der Familie, die ihre Meinung klar und deutlich sagte. „Die Geschwister zogen sich jeweils in die Zimmer zurück, wenn wir so stritten. Wütend machte mich auch, dass sich meine Mutter nie für mich einsetzte.“

Weitere Turbulenzen

Jenni verlor fast gleichzeitig die Lehrstelle als Hotelfachfrau und wurde von ihrem Freund verlassen. In dieser Zeit trennte sich auch die Mutter von ihrem langjährigen Partner. Etwas später musste die Mutter in die psychiatrische Klinik. Also brach in Jennis Leben einmal mehr alles zusammen. Sie hatte das Gefühl, dass sie an allem Schuld sei, und rutschte in ein gewaltiges Tief. „Ich fand meine Situation unerträglich und es ging mir sehr schlecht. Die andern hatten mich zwar gern, doch sie fanden mich mit Recht auch unausstehlich.“ Weil keine Person mehr da war, welche die gesetzliche Betreuung übernehmen konnte, wurde eine Beistandschaft errichtet. Jenni kam in eine Pflegefamilie, doch diese war bald überfordert mit dem rebellischen Teenager. So stand sie schliesslich nur noch vor der Wahl, ins T-Home Winterthur oder in ein völlig abgelegenes Heim im Kanton St. Gallen zu gehen.

„Ich entschied mich logischerweise fürs T-Home, da es offener geführt wurde und näher bei meinen Kollegen war. Die erste Zeit nahm ich locker und versuchte einfach, meine Sache durchzuziehen. Am Anfang konnte ich meinen Kopf durchsetzen, was mir das Gefühl gab, bei den Jungs die „Königin“ zu sein“, erinnert sich Jenni. „Mit der Zeit kam mir im T-Home vieles sehr schräg rein. Ich regte mich über die christliche Ausrichtung auf und konnte mich nur schwer damit abfinden, dass man Geld und Zigaretten abgeben musste.“ Sie fühlte sich begreiflicherweise stark zurückgestuft, zumal man ihr als Kind kaum Grenzen gesetzt hatte. Jenni wollte sich auch gegenüber ihrer Bezugsperson nicht öffnen.
Sie rebellierte gegen alles und jeden. Nach einem halben Jahr hatte sie genug und organisierte ein Treffen mit der Beiständin. Es gab eine grosse Gesprächsrunde mit allen beteiligten Personen. Jenni fühlte sich ausgestellt und konnte sich nicht damit abfinden, dass eine ganze Erwachsenenrunde über ihr Leben bestimmte. Als die Beiständin einen Obhutsentzug ankündigte, lief Jenni davon und schrie und wütete in ihrem Zimmer herum. Eine beigezogene Psychologin konnte tun was sie wollte, sie kam nicht an den Teenager heran. So wurde entschieden, dass Jenni fortan ihr Leben selber in die Hand nehmen sollte.

Endlich selbständig

Sie zog aus dem T-Home aus, fand Unterschlupf bei einer Kollegin und bekam eine Lehrestelle als Kleinkindererzieherin. Sie sagt, dass die Lehrzeit fast wie eine Therapie für sie gewesen sei, denn sie habe in der Praxis und in der Berufsschule gelernt, was eigentlich in ihrer Kindheit und Jugend abgegangen war. „Im Rückblick,“ versichert Jenny, „hat mir die Ausbildung sehr gut getan und der Umgang mit den Kindern hat mir geholfen, mich mehr zu öffnen.“ Inzwischen arbeitet sie in einer kleinen Institution und betreut Kinder und Jugendlichen mit einer Verhaltensauffälligkeit. Berufsbegleitend studiert sie an einer höheren Fachschule Sozialpädagogik. Viele Themen erinnern sie an ihre eigenen Heimerfahrungen, die sie inzwischen viel besser einordnen und verstehen kann.