Wer bin ich? Mann oder Frau?

Verlassen, misshandelt, missbraucht. In ihren schlimmsten Tagen sprach Aireen mit ihrem Spiegelbild. All die schweren Kindheitserlebnisse liessen sich nur mit Drogen vergessen. Ein hoffnungslos gestammeltes Gebet brachte schliesslich die Wende in ihr Leben.

Ein Schwieriger Start ins Leben

«Wir lebten in den Slums einer philippinischen Grossstadt. Nach dem Tod meines Vaters heiratete meine Mutter einen Schweizertourist mit dem sie in die Schweiz zog. Meinen Bruder und mich überliess sie der Grossmutter. Als 5-Jährige fühlte ich mich völlig verlassen und ich vermisste sie sehr. Solange wir alles richtig machten, war Grossmutter lieb, doch wenn wir in ihren Augen fehlten, wurden wir körperlich hart bestraft. Als Schülerin begann ich mit meinem Spiegelbild zu sprechen, weil ich mich so einsam fühlte. Mein Bruder konnte mit dem Verlassensein besser umgehen. So wie er, wollte ich deshalb auch sein. Ich schor mir die Haare, kleidete ich mich wie ein Junge und gab mich als sein Zwillingsbruder aus. Er hasste mich dafür!
Ich blieb wie ein Junge. Bald hatte ich eine Freundin, die mich während zwei Jahren sexuell missbrauchte. Meine Identität als Mädchen hatte ich verloren und ich fühlte mich schmutzig. Massive Strafen der Grossmutter, die sexuellen Übergriffe meiner Freundin, die Angst sie zu verlieren und mit 13 die Flucht in den Alkohol bewirkten schliesslich, dass unsere Mutter zurückkam. Dann erlebten wir den Tod des Stiefvaters und der Grossmutter. Darauf entschied meine Mutter, mit uns Kindern in die Schweiz zu ziehen. Ich freute mich sehr auf dieses neue Leben und auf einen Neuanfang. Meine Integration mit Kultur und Sprache gelang mir gut. Doch bald hatte ich wieder eine lesbische Beziehung, die uns gegenseitig co-abhängig machte.

Ein wirres Leben

Die angefangene Lehre im Hotelfach musste ich wegen Alkoholproblemen aufgeben. Ich war voller Fragen. Bin ich Mann oder Frau? Bin ich lesbisch? Als Lesbe konnte ich mich nicht akzeptieren. Weil wir daheim auf engem Raum wohnten, schlief ich oft auswärts. Ich suchte im Rauschzustand immer wieder Männer, um mich als Frau bestätigt zu wissen. Um den Schmerz zu ersticken, musste ich immer mehr Drogen nehmen. Neun Jahre ging das so: Drogen, Männer, verschiedene Praktika – daneben die Freundin, nach der ich süchtig war. Dann wurde ich arbeitslos und hatte kein Geld mehr. Um Geld zu verdienen, begann ich in einem Massagestudio zu arbeiten.

Es war ein schmutziges Geschäft. Ich brauchte immer mehr Drogen, um das alles durchzuhalten und ich verlor völlig den Respekt vor mir selber und vor Männern. Mir war egal, was mit mir geschah; am liebsten wäre ich gestorben. In dieser Zeit ging ich regelmässig in die Kirche. Ich glaubte auf abstruse Weise an Gott. Wenn ich viel verdiente oder viel Trinkgeld erhielt, war ich ihm dankbar. Ich dachte auch, dass er es sei, der meine Tränen immer wieder trocknete.
Als meine Freundin erfuhr, wo ich arbeitete, verliess sie mich. Ich nahm an diesem Tag eine grosse Menge Drogen und Alkohol heim, weil ich meinem wirren Leben ein Ende setzen wollte. Da fand ich am Boden eine Visitenkarte, die ich in der Kirche bekommen hatte. Warum die dort lag, weiss ich bis heute nicht. Ich telefonierte und sagte, dass ich dringend Hilfe bräuchte. Am andern Ende der Leitung war eine Sozialarbeiterin der Quellenhof-Stiftung. Sie sagte: „Können Sie noch eine Woche warten? Wir haben das Haus voll.“ Ich: „Nein, in einer Woche bin ich tot!“ So konnte ich umgehend zu einem Gespräch gehen und sofort in die Entzugsstation eintreten. Ich dachte, nach sechs Wochen bin ich hier wieder weg. Doch am Ende blieb ich – Rückfälle, Abbrüche und Integrationszeit eingerechnet – ganze vier Jahre. Diese Therapiezeit brauchte ich, um meine Geschichte zu verarbeiten.

Die Wende

Einmal ging ich in einen Alphalive-Kurs weil ein Gratis-Wochenende in einem Hotel winkte. Ich dachte: ‚Ich höre nicht hin, ich brauche keinen Gott!‘ Aber ich hörte doch, was sie sagten: „Gott will dein Herz, er will deine Schwachheit, nicht deine Fähigkeiten, er will dich und dein Herz.“ ‚Mein kaputtes Herz?‘ dachte ich. Dann betete ich zynisch: „Okay, wenn du willst, kannst du mein kaputtes Herz haben!“ Als ich das betete, liefen bei mir die Tränen und ich spürte förmlich, wie sich in dem Moment mein Leben verwandelte.

Danach führte ich die Therapie zu Ende. In dieser Zeit lernte ich auch meinen Mann kennen. 2014 heirateten wir. Inzwischen haben wir zwei Kinder und wir sind sehr glücklich miteinander, weil Gott der Dritte in unserem Bunde ist.“