Eine Kindheit zwischen Verantwortung und Überforderung
Ihre älteste Schwester leidet seit ihrer Teenagerzeit unter schweren psychischen Erkrankungen. Für Caroline machte sich das schon in jungen Jahren bemerkbar. Sie durfte sich nie gleich anziehen wie ihre ältere Schwester. Tat sie es doch, wurde sie grob von ihr zusammengestaucht. Mit den Jahren wurden diese Ausfälle heftiger. Die Schwester spuckte in der Wohnung herum, riss die Pflanzen aus den Töpfen, zerstörte das halbe Haus und bedrohte Caroline einmal sogar mit einem Messer. Die Familie war komplett überfordert. Psychische Erkrankungen waren damals kaum ein Thema. Probleme löste man familienintern, aus Angst vor Sätzen wie: «Die haben ihr Kind nicht im Griff.»
Als Caroline es kaum mehr ertragen konnte, schrie sie ihren Vater verzweifelt an: «Papa, so geht es nicht mehr weiter. Wir brauchen Hilfe.» Die älteste Schwester fiel immer wieder in Psychosen, konnte das Gymnasium nicht beenden, arbeitete später als Fremdsprachensekretärin, stiess aber auch dort an Grenzen. Als die Eltern schliesslich einen Arzt aufsuchten, wollte dieser sie in eine Klinik einweisen. Doch die kluge Schwester erkannte die Situation blitzschnell, floh durch ein WC-Fenster und setzte sich ins Ausland ab.
Drei Monate hörte die Familie nichts von ihr. Dann kam die Nachricht, sie werde heiraten. Und kurz darauf stand sie gemeinsam mit ihrem Mann wieder vor der Tür. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend. Sie musste in eine psychiatrische Klinik in Genf, wo sie schlussendlich sehr viele ihrer Lebensjahre verbrachte: stationäre Therapien in der geschlossenen Abteilung, Aufenthalte in therapeutischen Wohngemeinschaften, zurück in die Psychiatrie. Es wurden komplexe psychische Erkrankungen diagnostiziert.
Carolines ganze Jugend war geprägt von Angst. Ihr älterer Bruder und ihre mittlere Schwester zogen früh von zu Hause aus und so blieb vieles an ihr und an den jüngeren Geschwistern hängen. «Abends kontrollierte ich immer mein Zimmer und schaute unter das Bett, um mich zu vergewissern, dass meine Schwester sich nicht irgendwo versteckt und mich angreift.» Caroline führte ein Doppelleben: «In der Lehre war ich einfach eine junge Frau. Doch zu Hause musste ich oft auf meine kranke Schwester aufpassen und konnte nicht unbeschwert feiern wie andere Teenager in meinem Umfeld.» Als Caroline 20 Jahre alt war, starb ihr Vater an einem Herzinfarkt. Von da an trug ihre Mutter die Last alleine: Besuche in der Klinik in Genf, Gespräche mit Behörden und immer wieder Kriseninterventionen.